Einführung
Zunehmend sieht man Sportler, die bunte Tapes im Training und Wettkampf tragen.
Verlauf und Ort stehen oft im Gegensatz zu den bekannten Lehrbüchern. Genau
genommen widerspricht die Anlage sogar dem klassischen Wissen um Tapeanlagen.
Auf Rückfrage bestätigen aber Sportler und Patienten, dass es fast wunderbar hilft.
Kinesiologisches Tape ist ein neues, scheinbar revolutionäres Tapekonzept, welches mit Hilfe
flexibler Tapes und speziell entwickelten Anlagetechniken oftmals erstaunliche
Erfolge zeigt. Dabei basiert das kinesiologisches Tape auf empirischen Überlegungen zur Haut und
Muskulatur. Die Haut als größtes Organ mit reflektorischen Einfluss auf viele
Körperfunktionen, die Muskulatur als aktives Bewegungsinstrument aber auch Träger
von Durchblutung und Stoffwechsel. Dieses Wissen führte zur Entwicklung des
neuartigen Tapematerials.
Material
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| Abb.1: Tapematerial |
Der Basisgedanke bei der Materialentwicklung
war es, ein Tape zu schaffen, welches in Dicke,
Schwere und Elastizität der Haut entspricht. Es
sollte gezielte Reize setzen, aber nicht sensibel
belästigen (Abb. 1).
Daher wird ein hypoallergener Acrylkleber ein –
gesetzt, der durch wellenförmige Aufbringung
auf dem elastischen Baumwollgewebe zusätzlich
die Ventilation und den Flüssigkeitstransport
unterstützt. Duschen und Schwitzen stellen kein
Problem dar. Außerdem ermöglicht es eine längere
Anlagedauer (7 Tagen sind keine Seltenheit) und
damit einen längeren Wirkzeitraum. Allergische
Reaktion wurden bisher noch nicht gesehen. Sport und körperliche Aktivität
unterstützen die Wirkung des Tapes. Somit kann man das kinesiologische Tape in die Sparte der
aktiven, funktionellen Therapie einordnen.
Vergleich zu bekannten klassischem Tape
Vielfach wird das kinesiologische Tape noch mit Skepsis betrachtet, da der Begriff „Tape“ immer
mit dem klassischen (Sport) -Tape gleichgesetzt wird. In Deutschland hat es sich wie
im asiatischen Raum (wo es seine Wurzeln hat) seit 1999 als einengständige
Behandlungsform durchgesetzt.
Das klassische unelastische Sporttape wirkt primär über mechanische Mechanismen.
Es immobilisiert funktionell, was aber trotzdem zu strukturellen Veränderungen,
Zirkulationsproblemen und Stauungen im betroffenen Gebiet führt. Beim kinesiologischen Tape
bleibt die volle Bewegungsfähigkeit unter der Tapeanlage erhalten. Allein dieser
Punkt führt oftmals zu der etwas abschätzigen Bemerkung: „Das hält ja nichts- damit
bringt es auch nichts.“ Trotzdem – oder gerade deswegen – kann sich die Struktur im
physiologischen Rahmen schnellstmöglichst regenerieren und in der Funktionalität
neu ausprägen. Die Mikrozirkulation wird unterstützt und körpereigene,
physiologische Heilungsprozesse aktiviert (Selbstheilung).
Wirkungen
Die Wirkungen beim Kinesiologischen Tape kann man in vier große Gruppen einteilen, die
natürlich durch ihre Wechselwirkung miteinander zu beurteilen sind.
- Tonusregulation der Muskulatur
Je nach Anlagerichtung kann der erfahrene Tape – Therapeut die Muskulatur
tonisieren oder detonisieren. Bei der Tonisierung werden die Tapestreifen vom
Muskelursprung zum Ansatz
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| Abb.2: Anlage M.infraspinatus |
angelegt. Bei der Detonisierung wird vom Ansatz
zum Ursprung getapet. Durch die sanfte Hautverschiebung wird die darunter
liegenden Faszie verschoben. Je nach Richtung der
Verschiebung kommt es zur Entlastung am Muskel
oder zur Unterstützung. (Abb. 2) Eigene Studien
haben eine Veränderung der Maximalkraft allein
durch die unterschiedlichen Anlagetechniken von
bis zu 20% gezeigt. Darüber hinaus kann der
Therapeut die Anlage – und Zugrichtung durch
vorherige Hautverschiebung am betroffenen
Körperareal ermitteln und seine Techniken
entsprechend variieren.
Daraus ergeben sich vielfältige Indikationen im
therapeutischen Bereich wie Verspannungen,
Ausgleich muskuläre Dysbalancen, postoperative /
posttraumatische Störungen und neuromuskuläre
Probleme in Funktionsketten.
Damit findet es Einsatz u.a. in der Krankengymnastik und beim medizinischen
Aufbautraining. Aber auch prophylaktisch im Sport ist es hervorragend zum
Schutz vor Beschwerden einzusetzen (z.B. haltungsbedingte Probleme bei
Radsportlern).
- Zirkulation
Alle körperlichen Aktivitäten (z.B. Entzündungen,
Heilungsprozesse, Sport, o.ä.) führen zu einer
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| Abb.3: Anlage LWS |
Volumenzunahme im Gewebe. Diese stört die
Mikrozirkulation, was wiederum zu Restriktionen
und Druck auf Rezeptoren führt. Die speziellen
Anlagetechniken, welche häufig in einer Vorposition –
ierung des Patienten stattfinden, führen zu gezielten
Faltenbildung im Tape (Abb. 3). Durch die Verklebung
des Tapes mit der Haut wird diese in der Neutral –
position abgehoben und mehr Raum unter der Tape –
anlage geschaffen. Die Folge ist eine verbesserte
Zirkulation mit Ausschwemmung von Schmerz –
mediatoren und Flüssigkeit. Die Volumen – und
Druckreduzierung auf die Rezeptoren schafft wieder
Möglichkeit zur besseren Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen. Heilungs
- prozesse laufen optimiert ab.
- Schmerz
Die ständige „Reizung“ durch die Verklebung des Tapes mit der Haut erklärt
die oftmals sofortige Schmerzlinderung, welche sowohl auf spinaler Ebene
durch stark myelinisierte Fasern als auch auf supraspinaler Ebene durch die
Inhibierung efferenter Neuronen aus der Formatio reticularis stattfindet. Auch
die Druckredutierung im Gewebe und Rezeptoren (siehe Zirkulation) spielt
eine effektive Rolle.
- Aktivierung des lymphatischen Systems
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| Abb. 4: Lymphtape |
Im behandelten Areal wird durch die Tapestreifen
(Tentakel – Abb. 4) auf einer großen Fläche die Haut
leicht abgehoben („liftende Wirkung“). Damit wird für
die interstitielle Flüssigkeit mehr Raum geschaffen,
was zu einer besseren Verteilung und damit Auf –
nahme lymphpflichtiger Last über die initialen
Lymphgefäßen führt. Verklebung und Bewegung
aktivieren die Lymphmotorik. Die Lymphe wird
entlang der Tentakel vermehrt abgeführt, was eine
Überbrückung der Wasserscheiden ermöglicht. Die
Indikationsstellung ist somit vielfältig. Vom post –
operativen/ posttraumatischen Bereich, über
Schädigungen des Lymphsystem (z.B. nach Brust –
OP) als auch im Narben und Fibrosenbereich ist es
einzusetzen.
- Verbesserung der Gelenkfunktion
Das kinesiologische Tape stimuliert in hohem Maße die Propriozeption. Allein über die
Druckentlastung des Tapes, Hautkontakt und Verschiebung der
verschiedenen Gewebsschichten wird die Sensomotorik deutlich verbessert
(Abb. 5 / Grafiken MFT). Diese Grafik ist eine aus einer eigenen Studie, wobei
die Ergebnisse bei allen Probanten ähnlich positiv ausfallen. Damit – und mit
der dadurch bedingten verbesserten aktiven Stabilität – kann der Patient
früher funktionell Bewegungen und Training durchführen, bzw. präventiv eine
höhere sportliche Leistung abfordern. Die Zusammenhänge zwischen
Propriozeption und Verletzungsprophylaxe sind in diversen Studien
nachgewiesen.
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| Abb. 5: Grafiken MFT |
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Indikationen
- Sportphysiotherapie
- Traumatologie
- Postoperative Therapien
- Schmerztherapie
- Lymphologie
- Neurologie uvm.
Zusammenfassend stellen alle Probleme im Bereich der Weichteile eine sehr
gute Indikation für das kinesiologisches Tape dar.
Techniken
- Muskeltechniken
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| Abb. 6: HWS - Tape |
Ziel der Muskeltechniken ist die
Wellenbildung am Tape durch eine Anlage in
vorgedehnter Stellung. Darüber hinaus
erreicht man eine verbesserte Mikro -
zirkulation. An der Halswirbelsäule wird allein
durch die Grundanlage (Abb. 6: HWS Tape)
eine Beweglichkeitsverbesserung um
durchschnittlich 8,5° pro Bewegungsrichtung
erreicht (Studie: HWS – Beweglichkeit unter
dem kinesiologischen Tape)
- Korrekturtechniken
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| Abb. 7: Patella - Korrektur |
Hierbei soll mechanisch (durch Limitierung von
Beweglichkeit, z.B. nach Patellaluxation – Abb.7)
oder funktionell (Tapeanlage erfolgt unter
Bewegung, z.B. bei ventraler Instabilität an der
Schulter) korrigiert werden. Die Folge ist immer
eine funktioneller Bewegungsmechanik des
Gelenks.
- Faszientechnik
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Abb. 8:
Faszientechnik an
der Schulter |
Die Faszien als die kommunizierende Struktur im
gesamten Körper unterliegt ständigen Wechselwirkungen
durch Bewegung, bei Verletzungen und als Sicherung und
Führung sämtlicher Strukturen. Mit diesen speziellen Tape
– Techniken wird eine Verlagerung der Faszien erreicht.
Damit gewinnt man Einfluß auf Raum, Schmerzeruktion,
physiologische Innervation und Propriozeption.
- Spacetechniken
Diese dienen dazu, Raum unter dem Tape schaffen. Die Tapestreifen werden
über Kreuz angelegt und das Gewebe unter der Kreuzungsstelle angehoben
(siehe Abb. 2). Diese Technik lasst sich hervorragend einsetzen über
Wirbelsäulensegmenten, großen und kleinen Schmerzpunkten sowie Trigger –
und Meridianpunkten.
Zusammenfassung
Kinesiologisches Tape ist in weiten Teilen Deutschland bereits ein fester Bestandteil der
Therapie geworden. Als unterstützende Maßnahme oder oftmals als alleinige
Therapie zeigt es beeindruckende Erfolge. In den großen Bereichen Muskel –
Fasziensystem, Zirkulation und Schmerz ist eine nicht mehr weg zu denkende
-
Möglichkeit auch Patienten mit langer Vorgeschichte nochmals therapeutisch effektiv
zu beeinflussen. Aber auch zur Unterstützung der Trainingstherapie, bei aktiven
Therapieformen und zur Prophylaxe ist es „einfach gut“. Und mit einer langen
Anlagedauer (bis zu 7 Tagen) und keiner sensiblen Belästigung bildet es die
Grundlage einer 24 – Stunden – Therapie ohne Nebenwirkungen.
Beachten Sie bitte auch dieses PDF-Dokument:
Einfluß von farbigen, elastischen Tapes
auf die Beweglichkeit der Halswirbelsäule von Christian Röhrs
Literatur:
- Kenzo Kase; Clinical Therapeutic Applications of the Kinesio Tape Method; Tokyo; 2003
- Studie „HWS + Kinesiologisches Tape “; Christian Röhrs; Scheessel 2007
- Studie „Koordination +Kinesiologisches Tape “; Christian Röhrs; Scheessel 2007
Fotos:
- PINO Pharmazeutische Präparate GmbH; Hamburg
- sport + therapie christian röhrs; Scheessel
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